Gregor A. Mayrhofer

2021 1. Selig, wer ohne Sinne // 2. Einsamkeit, Du stummer Bronnen

Einsamkeit, Du stummer Bronnen (Tenor + Klavier/Violoncello)

für Tenor und Klavier + Violoncello 

1. Selig, wer ohne Sinne 
2. Einsamkeit, Du stummer Bronnen 

Dauer: 

UA: 20.10. 2021 Aschaffenburg 
Julian Prégardien, Gregor A. Mayrhofer 

Nächster Termin

20.10.2021 Julian Prégardien

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1. Selig, wer ohne Sinne 

Selig 
Selig, wer ohne Sinn schwebt 
wie ein Geist auf dem Wasser, 
nicht wie ein Schiff 
die Segel wechselnder Zeit 
wechselnd der Zeit und Segel 
blähend wie heute der Wind weht

Nein, ohne Sinn dem Gott gleich, 
selbst sich nur wissend und dich
schaff er die Welt, 
er selbst ist 

Und es sündigt der Mensch darauf 
und es war nicht sein Wille. 
Aber geteilt ist alles. 
Keinem ward alles, 
denn jedes hat einen Herrn, 
nur der Herr nicht. 

Einsam ist er und dient nicht. 
So auch der Sänger. 

 

2. Einsamkeit, Du stummer Bronnen 

Einsamkeit du stummer Bronnen 
Heilige Mutter tiefer Qualen, 
die in Tönen überschwellen 

Seit ich durft in deine Wonnen, 
das betörte Leben stellen, 
seit du ganz mich überronnen, 
mit den dunklen Wunderwellen, 
hab zu funkeln ich begonnen 

Und nun klingen all die hellen Sternensphären meiner Seele 
deren Takt die Zeit mir zähle 

Alle Sonnen meines Herzens, 
die Planeten meiner Lust, 
die Kometen meines Schmerzens 
klingen hoch in meiner Brust.
 
In dem Monde meiner Wehmut, 
alles Glanzes unbewusst, 
muß ich singen und in Demut, 
vor den Schätzen meines Innern, 
vor der Armut meines Lebens, 
vor den Gipfeln meines Strebens Ewigkeit! 

Mich dein erinnern 
Alles andre ist vergebens. 


 

Zwei Betrachtungen der Einsamkeit

Die Arbeit an den Liedern für Julian Prégardien fiel genau zusammen mit dem Ausbruch der Corona-Krise. Als ich mich mehr und mehr mit Brentanos romantischen Betrachtungen der Einsamkeit beschäftigte, ereilte viele von uns, gerade viele Künstler, eine unglaublich reale Einsamkeit. Nicht nur war man in größten Teilen seiner Arbeit und Lebenserfüllung beraubt, sondern es brachen auch viele soziale Kontakte von einem Tag auf den anderen ab und man blieb isoliert hinter dem unpersönlichen Bildschirm zurück.

In dieser Situation berührte mich sehr, wie Brentano zwei unterschiedliche Arten von Einsamkeit beschreibt, die beide ambivalent changieren. Einerseits wird Einsamkeit verklärt, man erkennt eine Bewunderung für Menschen, die sich nicht von Strömungen und Moden („wie der Wind weht“) leiten lassen, sondern standhaft, fast unberührt ihren Weg gehen, in ihren eigenen Gedanken-Sphären schweben.

Andererseits sind solche Personen manchmal gar nicht glücklich: Wer niemanden und nichts mehr hat, dem er sich unterordnen würde, ist damit sehr allein. Im ersten Lied wiederholt sich ganz stoisch-unnachgiebig der Ton „h“ – wie eine bohrende Frage, eine leere Hülle. Ohne ein Gegenüber oder ein höheres Ziel erscheint das Leben wie ein sinnloses Abfließen der Zeit.

Interessant ist, dass „der Sänger“ beziehungsweise das Singen immer wieder auftaucht: im ersten Lied als Metapher für ein lyrisches Ich, das sich von allem anderen abhebt und dadurch vereinsamt. Im zweiten scheint sich dieses lyrische Ich dem Schmerz der Einsamkeit zu stellen. Es findet in sich einen neuen Quell von Geborgenheit, indem es demütig die Akzeptanz der Vergänglichkeit besingt.

Brentano schrieb diese Gedichte unter dem Eindruck eines Konzerts von Beethoven, den er sehr bewunderte. Wenn man die anderen Gedichte seiner „Nachklänge Beethoven’scher Musik“ liest, muss man annehmen, dass die Texte romantisch glorifizierend gemeint waren. Ich fand aber spannend, dass sich darin auch viel Selbstzweifelndes und „In-Frage-Stellendes“ verbirgt – je nachdem, welchen Schwerpunkt und welche Bedeutung man den Worten zuschreibt.

Ich suchte mit meiner Musik also einerseits einen poetischen Raum, der das Hineinträumen in diese sehr romantische Sichtweise erlaubt – wo die Klänge der zu Beginn so zermürbend gleichförmigen Einsamkeit am Ende Hoffnung spenden. Andererseits stellt sich die Frage, ob diese Verklärung in der Realität stattfindet, oder ob sie doch ein Wunsch bleibt in einer sehr harten, einsamen Zeit. So bleibt am Ende offen, wie dieser Zusammenklang von Wort und Ton zu verstehen ist.

Gregor A. Mayrhofer

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Uraufführung

20.10.2021 Julian Prégardien