2017

Große Huldigung an das technische Zeitalter

für Ensemble

16:30 Min.

UA : 10.01.2017 Kölner Philharmonie, Ensemble Intercontemporain, Dir: Gregor A. Mayrhofer

Fl, Ob, Cl, Fg, Tp, Hn, Pos,
Kl, Hrf,
2Vl, Vla, Vcl, KB
2 Perc.

Weitere Aufführungen:
Premiere Frankreich: 24.02.2017 – Philharmonie de Paris, Ensemble Intercontemporain, Dir: Gregor A. Mayrhofer

Als ich zum ersten mal Arnaldo Pomodoro's Relief „Große Huldigung an das technische Zeitalter“ sah, kamen mir sofort zwei Assoziationen: Satelliten-Bilder und Computer-Chips. Interessanterweise erzeugte also ein und das selbe Kunstwerk in mir zwei extreme Blickwinkel auf das, was wir Menschen tun: Einerseits die Makro-Sicht, das heißt wie wir als gesamte Menschheit leben, den Planeten besiedeln und damit Natur und Landschaft beeinflussen. Andererseits die Mikro-Sicht, das heißt wie unsere „kleinsten Werkzeuge“ (Chips, Transistoren etc.) funktionieren, ohne die es uns nicht möglich wäre auch diese Makro-Sicht auf uns selbst zu haben.
In der Reflexion über diese zwei Aspekte des technischen Fortschritts und dessen Auswirkungen auf unser Leben und unseren Planeten wurde mir bewusst, welch seltsamer Übergang (eine Art „Crossfade“) sich dort momentan vollzieht. Zum Einen entwickeln sich Computer, Roboter und komplexe künstliche Intelligenzen so rasant, dass mit größter Wahrscheinlichkeit unsere oder die nachfolgende Generation noch den Entwicklungsstand erleben wird, der die Unterscheidung von Mensch und „vermenschlichter Maschine“ nahezu unmöglich macht.
Andererseits erkennen wir, je mehr wir über unseren Körper und unsere Psyche lernen, dass der menschliche Geist und der sogenannte „freie Wille“ vielleicht nicht ganz so einzigartig, unerklärlich und frei sind, wie wir lange dachten. Die Erforschung der biochemischen Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen und Botenstoffen in unserem Körper und die Klassifizierung psychologischer Muster unseres Gehirns lassen uns ahnen, wie vorhersehbar viele unserer Handlungen sind. Aktionen sind also vielmehr Reaktionen.
Das zeigt sich vor allem in unserer überökonomisierten, stark technisierten Arbeits- und Alltagswelt, wo technische Geräte immer selbstständiger und scheinbar menschlich werden: wir sprechen mit unserem Mobiltelefon, lassen es selbstständig die beste Route oder das beste Restaurant auswählen und lassen dabei ständig unsere innersten Bedürfnisse, Vorlieben und Charakterzüge freizügig analysieren. Dadurch werden wir Menschen ironischerweise umso maschineller und unselbstständiger, weil wir uns weitgehend daran gewöhnen viel Eigenverantwortung in der Entscheidungsfähigkeit abzugeben an die im Hintergrund arbeitenden Analyseprogramme, was uns dann eben auch extrem anfällig für Manipulation und Kontrollverlust macht.
Ich war auf der Suche nach einer Musik, die ganz mechanisch, quasi „tot“ beginnt und dann nach und nach ausdrucksvoller wird, bis hin zu dem Punkt, an dem daraus ein nicht mehr aufhaltbarer selbstbeschleunigender Prozess wird.
Gleichzeitig verlieren Ensemble und Dirigent - das „menschliche Instrument“ - mehr und mehr die Kontrolle und werden am Ende fast wie Roboter, die nur noch blind in ihrem mechanisch repetitiven Motivloop feststecken.
Neben Pomodoro's Relief hatten auch viele seiner anderen Werke großen Einfluss auf dieses Stück. Besonders faszinierten mich seine Metallkugeln mit ihrer perfekt glänzenden Oberfläche, in der sich der Betrachter selbst widerspiegelt. Gleichzeitig überdeckt diese glatte Außenschicht die kantig rohen Formen und technisch-mechanischen Prozesse im Inneren.
So changiert auch mein Stück immer wieder zwischen der „perfekten Oberflächenebene“ mit den weich harmonisch strömenden Klangflächen und der „technischen Innenebene“ mit seinen mechanisch-rhythmischen Kratz- und Geräuschklängen.
Das thematisiert auch, in welcher äußeren Form uns die Technik alltäglich begegnet: an der Oberfläche stets glatt, künstlerisch ausdrucksvoll, aber im Inneren nach wie vor nur eine seelenlose Maschine, mit dem einzigen Unterschied, dass die mechanischen Vorgänge heute so mikroskopisch klein wurden, dass sie weder real sichtbar noch hörbar sind.
Sehr interessant, fast ironisch finde ich gerade in diesem Kontext, dass der Titel „Große Huldigung“ eine ambivalent religiöse Konnotation mit sich bringt, die dem Werk noch eine ganz andere Ebene eröffnet: Huldigen wir dem technischen Fortschritt mit neuartigen Ritualen und Formen schon ebenso blind, frag- und kritiklos wie religiöse Fundamentalisten, die gar nicht mehr nach Sinn und Funktion der Regeln und Rituale fragen? Geben wir die Kontrolle ab an die Technik selbst (die eigentlich nur Werkzeug ist!) und verschließen die Augen um die Verantwortung nicht mehr tragen zu müssen, kurz: machen wir den technologischen Fortschritt zu DER neuen Religion unseres Zeitalters?
In diesem Sinne verlässt das Stück hier seinen herkömmlichen Konzertrahmen und wird zum Ende hin zu einer ritualhaften akustischen Klangskulptur, in der sich die übliche Hierarchie von Führen und Folgen mehr und mehr auflöst.
Gregor A. Mayrhofer New York, Dezember 2016

Video:

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